Outtakes

Outtake 1 - aus der Rohfassung von „Das Rätsel der Templer“

„Das Rätsel der Templer – Prolog  – Im Verlies“

 

28. Oktober 1307 nachmittags - Festung Chinon

 

Die Salazars

 

Auf den ersten Blick war es Gräfin Isabella de Salazar und ihrer liebreizenden Tochter Rosanna nicht anzusehen, dass sie zu den zuverlässigsten Folterinstrumenten zählten, die Guillaume de Nogaret, der frisch gekürte Großsiegelbewahrer Philipps IV. von Franzien, aufzubieten hatte. Und auch den Frauen selbst war wohl nicht klar, dass man sie in Kreisen der aufkeimenden Inquisition für geeigneter hielt als jegliches Eisengerät nebst Feuer und Wasser, wenn es darum ging den Widerstand eines noch so tapferen Mannes zu brechen.

Eingepfercht hinter den vergitterten Luken eines Gefangenentransports fuhren sie einem ungewissen Schicksal entgegen, dessen grausamen Hintergrund sie allenfalls zu erahnen vermochten. Wieder und wieder schüttelten stürmische Böen das geschlossene Gefährt, während es sich, gezogen von zwei stoischen Kaltblütern, den steilen Berg zum Chateau Chinon hinauf quälte. Der Regen prasselte derweil so laut und unnachgiebig, dass selbst das Rattern der Wagenräder auf den unebenen Pflastersteinen und das Klappern der mächtigen Hufeisen übertönt wurden.

Eingehüllt in gewachstes Tuch, schob der Wagenlenker seine Kapuze ein Stück zurück, zügelte die zottigen Rösser und brachte sie direkt vor einer seitlichen Turmeinfahrt zum Stehen. Dem Unwetter zum Trotz huschte eine dunkel gekleidete Gestalt einer Tarantel gleich aus ihrem Verschlag und verharrte wie eine Statue auf der Straße, mit einer Lanze in der Linken, an der sie sich festhielt wie an einem Hirtenstab, während die ausgestreckte Rechte unmissverständlich nach einer Legitimation zur Durchfahrt verlangte. 

Der zweite Mann auf dem Kutschbock holte ein gerolltes Pergament unter seinem triefnassen Umhang hervor, das er dem Soldaten fordernd unter die Nase hielt. Nachdem der Wachmann den in Wachs gepressten Siegelabdruck einer flüchtigen Überprüfung unterzogen hatte, signalisierte er mit einer schnellen, rudernden Bewegung seines rechten Arms, dass der Wagen seinen Weg fortsetzen konnte. Unter lautem Geratter überquerte das Gespann eine hölzerne Zugbrücke, die über einen tiefen Graben führte und kam nach weiteren 150 Fuß im Innenhof der Festung endgültig zum Stehen.

„Wir sind da, alles aussteigen!“, polterte der grobschlächtige Wagenlenker von oben herab und schlug äußerst ungalant zweimal mit der Faust auf das verwitterte Holz des Daches. 

Mit einem zögerlichen Knarren öffnete Rosanna die kleine Tür, nachdem sie vergeblich darauf gewartet hatte, dass es jemand von draußen tat. Das erste was sie zum Vorschein brachte, war ihr zierlicher Schnabelschuh aus lachsfarbener Seide, gefolgt von einem schlanken Bein in einem elfenbeinfarbenen Strumpf. Eingehüllt in einen mit

Eichhörnchenfell gefütterten, dunkelblauen Brokatmantel entstieg sie zögernd dem Wagen. Vor lauter Aufregung ignorierte sie, wie der Sturm an ihrem Schleier zerrte und der Regen auf ihr zartes Gesicht hernieder peitschte. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt ihrer gramgebeugten, nicht weniger kostbar gekleideten Mutter, die ihr dicht folgte. Schmale Finger in  fliederfarbenen Lederhandschuhen tasteten sich unsicher nach draußen. „Lasst Euch helfen“, sagte Rosanna, während sie ihre Hand der Mutter als Stütze darbot.

„Danke mein Kind, ich schaffe es schon“, erwiderte die ältere Frau mit brüchiger Stimme. Umständlich schälte sie sich aus der engen Tür des ganz und gar nicht standesgemäßen Gefährts heraus. Derweil ignorierte sie tapfer eine heftige Windböe , die ihren Mantel samt Rock bis zu den Knien hoch wirbelte, während ihre perlenbestickten Schuhe endlich festen, wenn auch schlüpfrigen Boden fanden. Einer der beiden Männer war vom Wagenbock herab gesprungen. Er war ein wenig freundlich aussehender Gnom, der den beiden Frauen nicht einmal bis  zu den Schultern reichte. Während er sich ungelenk vor ihnen verbeugte, begaffte er sie von unten herauf mit anzüglichen Blicken. Trotzig bewahrte sich die Gräfin einen letzten Rest von Respekt, indem sie sich aufrichtete, und dem unverschämten Kerl einen strafenden Blick zuwarf. Stolz erhob sie ihr Haupt, das von einem blütenweißen Gebende und einem violettfarbenen Schleier umrahmt war und richtete ihr Augenmerk entschlossen geradeaus auf einen Turm mit einem vergitterten Eisentor.

Rosanna warf derweil einen zaghaften Blick in die Umgebung. Der Wohntrakt des Chateaus war von erhabener Eleganz, geschmückt mit Erkern und Zinnen, die  mit ihren funkelnden Glasfenstern wie grazile Schwalbennester am schneeweißen Gemäuer klebten. Die dahinter befindlichen massiven Rundtürme, allesamt fensterlos und von schwindelerregender Höhe zeugten mit den ringsherum errichteten dicken Steinwällen jedoch von der Unmöglichkeit dieser Festung  zu entkommen, wenn man hier erst einmal eingekerkert worden war.

„Wenn Ihr so gütig sein wollt, uns den Weg zu weisen, anstatt Eure Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die Euch nur die Sinne verwirren, wäre ich überaus erfreut“, bemerkte Rosannas Mutter kühl. Mit einer beiläufigen Geste ordnete sie ihr Gewand, ohne die beiden Männer auch nur eines Blickes zu würdigen.

Das Grinsen des grobschlächtigen Wagenlenkers erstarb augenblicklich. Mit einer betretenen Miene nickte er seinem kleinwüchsigen Begleiter zu, was wohl so viel bedeutete, dass er ihm folgen sollte. Dann wandte er sich einer kaskadenförmigen Vorhalle zu, die einem Kreuzgang ähnlich zum Eingang in ein weiter zurück liegendes Gebäude führte. „Dort entlang“, sagte er und nickte in die entsprechende Richtung. Ein Blitz zuckte ganz in der Nähe hernieder und ein kräftiges Donnergrollen veranlasste ihn seine Schritte zu beschleunigen.

Die Respekt einflößende ältere Gräfin ergriff unterdessen die Hand ihrer Tochter und folgte den beiden Männern unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft. Kurz bevor sie das kleine eiserne Tor erreichten, das den Eingang zu einem Empfangsraum markierte, wurde es wie von Geisterhand geöffnet. Aus dem Halbschatten des romanischen Rundbogens trat ein weiterer Wachmann hervor. Er war kaum älter als zwanzig, hatte kinnlanges, dunkles Haar und trug den braunschwarzen ledernen Überwurf eines Soldaten der königlichen Geheimpolizei. Der Gehilfe des Kutschers drängte sich an den Frauen vorbei und übergab dem Wachhabenden das Pergament, das er bereits an der Toreinfahrt gezeigt hatte.

Der junge Soldat erbrach das Siegel und musterte das Schreiben interessiert, währenddessen gab er dem Überbringer der Botschaft und seinem Begleiter mit einer abwehrenden Handbewegung zu verstehen, dass sie sich entfernen durften.

Rosanna verfolgte angespannt und vor Kälte zitternd, was als nächstes geschah.

„Wann soll ich die Damen wieder abholen?“, fragte der Gnom mit einer willfährigen Geste.

Der Uniformierte bedachte  Rosanna und ihre Mutter  mit einem abschätzenden Blick, der jedweder Höflichkeit entbehrte.

„Ich werde Euch rufen lassen.“ Der Wagenlenker  nickte ergeben und zog sich unter einer weiteren, tiefen Verbeugung mit seinem Begleiter zum Wagen zurück.

Rosanna schaute ihnen voller Verachtung hinterher. „Wenn sie Hunde wäre, würden sie gewiss den Schwanz einziehen“, zischte sie ihrer Mutter auf Katalanisch zu. Doch die Gräfin reagierte nicht. Ihre ganze Aufmerksamkeit ruhte auf dem dunkelhaarigen Soldaten, der sich davon unbeeindruckt eine abgegriffene Liste durchblätterte. „Zu wem wolltet Ihr noch gleich?“

Rosanna schüttelte ungläubig den Kopf. Auf dem Schreiben, dass ihnen nach Navarra überbracht worden war, hatte eindeutig gestanden, dass man sie hier und heute erwartete, um bei einer Unterredung mit ihrem Bruder behilflich zu sein.

„Ich will zu meinem Sohn!“, sagte ihre Mutter streng und versuchte mit einer gehörigen Portion Entschlossenheit ihrem Blick die Verzweiflung zu nehmen.

Der Soldat lachte kehlig auf. „Madame, ich brauche den genauen Namen. Oder wollt Ihr Euch zuvor alle Insassen ansehen, bevor wir wissen wer der Richtige ist? Davon kann ich nur abraten“, sagte er mit einem ironischen Unterton in der Stimme. „Unten im Kerker fristen zurzeit mehr als 50 Söhne irgendwelcher Mütter ihr Dasein und die wenigsten davon bieten einen angenehmen Anblick.“

„Francesco“, stieß Rosanna hervor und verschluckte sich beinahe an ihrer Angst. „Francesco de Salazar.“ Sie spürte, wie ihr die Tränen die Kehle zuschnürten. Eine zarte, kühle Hand ergriff die ihre und drückte fest zu. Rosanna wagte es nicht, ihrer Mutter die Augen zu sehen, denn dann würde sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten können.

Niemand hatte ihnen gesagt, warum ausgerechnet sie beide die weite Reise von Navarra nach Chinon hatten antreten müssen. Zwei Wochen waren bereits vergangen, seitdem Francesco unter dem schrecklichen Verdacht der Sodomie und der Ketzerei im Kerker der Festung gefangen gehalten wurde. Den Vater hatte der Schlag getroffen und den linken Arm und das linke Bein gelähmt, als der Bote des franzischen Königs mit der Nachricht auf die heimische Burg gekommen war, dass man alle Templer in Frankreich zu den Hauptverdächtigen zähle.

Nur ein Geständnis und damit ein Verrat an den übrigen Brüdern, die sich standhaft weigerten, ein Vergehen zuzugeben und über die geheimen Praktiken des Ordens und ihre Verstecke zu berichten, könne noch helfen, um ihn vor dem Scheiterhaufen zu bewahren. Doch leider sei der junge Mann nicht zur Einsicht zu bewegen, hatte der Bote mit einem lakonischen Augenaufschlag verkündet, und Guillaume de Nogaret, der „allergütigste“ Großsiegelbewahrer des franzischen Königs, war zu der Überzeugung gelangt, dass nur noch die nächsten Angehörigen in der Lage sein würden, dem Uneinsichtigen zu einer lebensrettenden Änderung seiner Gesinnung zu verhelfen.

Der Einwand von Francescos ältestem Bruder Ricardo, dass ihre Familie zu den treuesten Gefolgsleuten des Hauses Navarra zählte, jener königlichen Dynastie, der die mittlerweile verstorbene Ehefrau des Königs von Franzien  entstammte, hatte keinen Einfluss gehabt. Ricardos Bitte, im Namen seines erkrankten Vaters, die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen zu dürfen, um für den jüngsten Spross des Hauses Salazar bei Philipp VI. um Gnade zu ersuchen, wurde indes strikt abgelehnt. Einzig Mutter und Schwester waren als Vermittlerinnen zugelassen. Daraufhin hatten die beiden Frauen mit beklommenem Herzen die nicht ungefährliche Reise von den Tälern Navarras nach Chinon an der Vienne unternommen. Und nun waren sie hier, belastet mit der Verantwortung für das Leben eines Mannes, der ihnen mehr bedeutete als alles auf der Welt.

„Geduldet Euch einen Augenblick. Ich muss Euch erst anmelden.“ Der Soldat geleitete sie in eine kleine, zugige Kammer, wo sie auf ihn warten sollten. Danach verschwand auf dem Gang und überließ die beiden Frauen sich selbst.

Eine geisterhafte Stille lag in der Luft. Niemand würde vermuten, dass man hier fünfzig Männer gefangen hielt und dass mindestens doppelt so viele Soldaten für deren Bewachung sorgten.

Die Zeit verrann, ohne dass der Wächter zurückkehrte. Rosanna und ihre Mutter wurden zusehends von Unruhe ergriffen. Nach einiger Überlegung entschloss sich Rosanna auf den Flur hinaus zu treten, um nachzuschauen, ob man sie und ihre Mutter womöglich vergessen hatte. Fast wäre sie dabei mit einem hageren Mann in grauschwarzer Kleidung zusammen gestoßen. Die vornehme Gestalt wich geschickt aus, blieb stehen und ließ Rosanna den Vortritt zurück in die Kammer, in der ihre Mutter erschrocken aufblickte.

„Ah“, sagte der Mann mit einer unnatürlich hohen Stimme, während er sich eine gekünstelte Verbeugung erlaubte. „Die Gräfin Salazar und ihre tugendhafte Tochter. Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise.“

Rosannas Mutter, die sich nur zögernd vom anfänglichen Schock über das plötzliche Erscheinen des vermeintlich Fremden erholte, fühlte sich durch seine schleimige Freundlichkeit provoziert. Unumwunden sah sie dem augenscheinlich hohen Beamten in die kleinen,  stechenden Augen.

„Mein…“, setzte er an, in der Absicht, sich mit der gleichen unechten Freundlichkeit vorzustellen. Doch dazu kam es nicht.

Mit der Kraft einer Löwin, die bereit ist für ihr Junges zu töten, warf die Gräfin alle Furcht über Bord. „Ich weiß wer Ihr seid“, entgegnete sie  fest. „Euer Name ist Guillaume Imbert, genannt Guillaume de Paris, Großinquisitor des Königs und Bischof von Paris.“

„Ganz recht“, bestätigte er ihren Einwand und nickte jovial.

 „Soweit mir bekannt ist, dürftet Ihr gar nicht hier sein“, entgegnete die Gräfin mutig. „Bei meiner Ankunft habe ich erfahren, dass Papst Clemens Euch vorläufig des Amtes enthoben hat, weil er der Meinung ist, dass Ihr mit dem Verhör der Ritterbrüder Eure Kompetenzen überschreitet.“ Unbeeindruckt von der sich verändernden Miene ihres Gegenübers straffte sie ihre Schulten. „Und so frage ich mich, wie Ihr es wagen könnt unseren Sohn noch länger festzuhalten.“ Man konnte Isabella de Salazar mühelos ansehen, wie viel Kraft es sie kostete gegen einen Vertreter des Königs aufzubegehren und doch ging sie noch einen Schritt weiter. „Im Namen meines Gemahls fordere ich Euch auf, dass Ihr unseren Sohn ziehen lasst… und zwar sofort!“ Obwohl sie ihr Haupt hoch erhoben hielt, in dem Versuch sich nicht anmerken zu lassen, wie viel Angst sie um das Leben ihres Sohnes hatte, bebte ihre Stimme.

Der Angesprochene begegnete ihren Bemerkungen mit schmalen Lidern. Widerspruch war er nicht gewöhnt und schon gar nicht von einer Frau, ungeachtet des Ranges, den sie bekleidete. „Wenn es Euch gelingen sollte, Eurem Sohn den rechten Weg zu weisen, kann er gehen wohin es ihm beliebt“, erwiderte Imbert kalt. „Im Übrigen ist die Bulle des Papstes hier oben keinen Silberling wert“, fuhr er schneidend fort. „In dieser Festung entscheidet der König, was zu geschehen hat. Deshalb ist der Einfluss unseres Heiligen Vaters auf meine Funktion und damit auf das Schicksal Eures Sohnes verschwindend gering.“ Sein verschachteltes, scharfkantiges Gebiss, das er unter einem hämischen Grinsen entblößte, erinnerte Rosanna an die Dämonenfiguren, die zur Abschreckung des Bösen an den Außenmauern aller ihr bekannten Kathedralen angebracht waren.

„Aber bevor Ihr selbst am Schicksal Eures über alles geliebten Francescos mitwirken dürft“, bemerkte Imbert spitz und wandte sich dem hölzernen Pult zu,  auf dem neben der Namensliste noch ein Stapel weiterer Papiere lag, „muss ich darauf bestehen, dass Ihr noch eine Formalie unterzeichnet.“

„Eine Formalie?“ Der Gräfin war anzusehen, wie unglaublich sie Imberts Ansinnen fand.

Der Fragende verzog den Mund zu einem gnädigen Lächeln, das in Wirklichkeit jenseits jeglicher Gnade lag. „Ihr sollt wissen“, dozierte er mit unschuldigem Blick, „wenn er nicht geständig ist, kann ihm kein päpstlicher Dispens erteilt werden und somit ist es durchaus möglich, dass er unter der Folter als Ketzer verstirbt. In diesem Fall seid Ihr verpflichtet dafür Sorge zu tragen, dass sein Leichnam verbrannt und nicht versehentlich in geweihter Erde bestattet wird“, konstatierte er mit einer Eiseskälte in der Stimme, die den beiden Frauen beinahe das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Dafür benötige ich noch heute Eure Unterschrift.“

Der Gräfin und ihrer Tochter verschlug es nicht nur die Sprache, auch jeglicher Widerspruch war mit einem mal wie hinweggefegt. Rosanna bemerkte, dass ihrer Mutter sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Sie griff nach deren  Hand und spürte, wie die zartgliedrige Frau um Fassung rang. Die Gräfin wollte etwas erwidern, doch ihre Lippen zitterten so sehr, dass sie es vorzog stumm zu bleiben.

Der vermeintliche Wächter über Leben und Tod bezeugte seine unechte Anteilnahme mit einem bösartigen Schmunzeln.

 „Wir können auch später noch darauf zurückkommen, wenn Ihr Euch wieder gefasst habt.“ Mit einer angedeuteten Verbeugung streckte er seinen knochigen Arm in Richtung Treppenabgang, dessen Stufen in eine alles verschlingende Finsternis führten. „Nach Euch, edle Damen.“

Das uralte Mauerwerk des Kerkers war feucht und verströmte bereits von Ferne einen modrigen Geruch. Die Gräfin öffnete einen violettfarbenen Seidenbeutel, den sie an einem reich mit Edelsteinen verzierten Gürtel trug. In weiser Voraussicht zog sie zwei intensiv nach Lavendel und Zitrone duftende Tüchlein hervor und übergab eines davon ihrer Tochter. Die Weitsicht ihrer Mutter bewahrte Rosanna davor, dem Würgereiz nachgeben zu müssen, der sie so unvorbereitet traf, wie der nächste Donnerschlag. Der aufsteigende Dunst von fauligem Stroh, Erbrochenem sowie verrottendem Kot von Menschen und Ratten nahm jedem lebenden Wesen, das in diesen Hades hinab stieg, unverzüglich den Atem.

Rosanna raffte ihr Gewand und versuchte sich noch schlanker zu machen, als sie ohnehin schon war, um dieses Zeugnis des Elends und der Angst nicht berühren zu müssen, während sie die ersten Stufen der engen Wendeltreppe betrat. Nur die Sorge um den über alles geliebten Bruder und der Anblick ihrer Mutter gaben ihr die Kraft, weiter voran zu gehen, gerade so, als ob es nicht ein Verlies war, das sie erwartete, sondern der heimische Weinkeller.

Ein lang gezogener Gang führte zu einer Reihe von unterirdischen Höhlen, fachmännisch in Tuffstein getrieben, die in erschreckender Düsternis erstarrten. Allesamt mit schweren, in Boden und Decke eingelassenen Eisengittern verschlossen und nur von einzelnen Fackeln beleuchtet, vermittelten sie Rosanna eine unselige Ahnung von unvorstellbarem Schmerz, Hoffnungslosigkeit und allgegenwärtigem Tod. Die Delinquenten, die gezwungen wurden, es in dieser unzumutbaren Behausung auszuhalten, konnten den ihnen zugewiesenen Verschlag nur durch eine kleine eiserne Luke und  in gebückter Haltung betreten.

Rosanna schauderte und vermied es dabei allzu weit aus dem Lichtkegel des Feuers hinaus zu treten. Lautlos begann sie zu beten. Mit jedem Schritt schwand ihre Hoffnung Francesco unversehrt wieder zu sehen. Ihr Bruder war groß und athletisch. Der Gedanken, dass er schon vierzehn lange Tage an diesem grauenhaften Ort zugebracht haben musste, ohne die Möglichkeit aufrecht zu stehen, erschien ihr unerträglich.

Einmal, als sie fast noch Kinder waren, hatte sie ihn gebeten, ihr einen Apfel zu pflücken, den sie ohne seine Hilfe niemals erreicht hätte. „Wenn du mir hernach zeigst, wie man küsst“, hatte er seine zwei Jahre ältere Schwester geneckt und dabei sein unverkennbar strahlendes Lächeln aufgesetzt, „könnte ich es mir überlegen.“

„Such dir eine Freundin“, hatte sie scherzend geantwortet und als er sich mit geschlossenen Augen und einem angedeuteten Kussmund zu ihr herab beugte, hatte sie seinem schwarz gelockten Haupt eine Kopfnuss verpasst und war lachend davon gelaufen.

„Wie soll ich eine finden“, hatte er ihr hinterher gerufen und ihr den rotwangigen Apfel wie eine Verlockung entgegen gestreckt. „Wenn ich keine Ahnung habe, was ich mit ihr anfangen muss?“

Dann war er als jüngster Sohn des Grafen Salazar auf Geheiß des Vaters zu den Templern gegangen und das Thema Frauen hatte sich damit von ganz alleine erledigt. Aber wenn Rosanna etwas wusste, dann, dass Francesco um nichts in der Welt zur Sodomie fähig war, geschweige denn zur Ketzerei. Mit einem Mal war ihr Herz wie ein eisiger Klumpen. Menschen die so etwas behaupten konnten, ohne ihren Bruder im Geringsten zu kennen, würden noch zu ganz anderen Dingen fähig sein.

Zunehmend wurde es heller und am Ende des Ganges trieben tanzende Schatten ihr Unwesen, die für die beiden Frauen eine - gelinde gesagt - unangenehme Überraschung bereithielten. Zögernd betraten sie die geräumige Halle, deren rundliche Gewölbe  im Lichterschein unzähliger fackeln emporragten. Genau betrachtet hatte der wenig Vertrauen erweckende Ort etwas vom Kirchenschiff einer Kathedrale. Wahrscheinlich hatten die Baumeister es in ihren Plänen so beabsichtigt, weil sich dadurch ähnlich wie in einer Kirche eine spezielle Akustik ergab. Nur dass hier niemand erwartete, dass man Choräle sang. Es waren die Schreie der Opfer, die bis in den hinterletzten Winkel dieser Hölle zu hören sein sollten, damit jeder, den es hierhin verschlagen hatte, möglichst bald wusste, wie ihm geschah, wenn er sich nicht verständig zeigte. Zögernd richtete Rosanna den Blick in die Umgebung. Überall standen Gerätschaften herum, deren Bedeutung sie nicht einmal zu erahnen vermochte. Ein kaum wahrnehmbares Stöhnen lenkte nicht nur ihre Aufmerksamkeit in eine unscheinbare Ecke des Saales. Ihre Mutter drückte ihr unvermittelt den Arm, während ein Zucken den Körper der Gräfin durchlief, als habe sie der Blitz getroffen. Fast zeitgleich presste sie eine Faust vor den Mund und unterdrückte den spitzen Laut, der ihr zu entweichen drohte. Die freie Hand zeigte auf ein schräg stehendes, mannshohes Eichenholzbrett, dass nur notdürftig von einem Paravent verdeckt war. Was dort zum Vorschein kam, war viel schlimmer, als Rosanna es sich je hätte ausmalen können. Ihr glockenheller Schrei war schneller als ihr Verstand, der den Anblick ihres Bruders nicht zulassen wollte.

 „Nein! Um Gottes Willen, Francesco!“, kreischte sie.  Instinktiv wollte sie zu dem Gepeinigten hin stürmen, doch zwei derbe Hände ergriffen ihre Arme und hielten sie gnadenlos fest.

„Nicht so rasch, Mädel“, grunzte eine unangenehme Stimme in ihrem Nacken. „Ihr werdet noch früh genug das Vergnügen haben.“

Rosanna schrie und schluchzte abwechselnd. Mit der Inbrunst einer Ertrinkenden, die verzweifelt um ihr Leben kämpft, versuchte sie sich dem kleinen, kräftigen Mann zu entwinden, dessen kurze, dicke Finger ihre schmale Taille umklammerte, wie mit einem Schraubstock. Schließlich verebbten ihre Bemühungen wie Wasser, das im Sande versickert. Doch schon ihr nächster Gedanke galt ihrer Mutter. Wie wahnsinnig irrten ihre Blicke umher und fanden die Gräfin lang ausgestreckt am Boden liegend, reglos. Der grauenhafte Zustand ihres jüngsten Sohnes war wohl zu viel gewesen für die leidgeprüfte Frau, die zehn Kindern das Leben geschenkt hatte, wovon sechs schon im Säuglingsalter verstorben waren.

 

(Fortsetzung im Original „Das Rätsel der Templer“ - Prolog)

 

© 2014 Martina André – Outtake aus der Rohfassung von „Das Rätsel der Templer“